Dann sterben wir an unseren Immunitäten

Sonntag, 28. März 2021

Zeitumstellung. Aufwachen in einer neuen Zeit, mindestens um eine Stunde verschoben. Ist das schon das Paralleluniversum, in das sich gegenwärtig so viele gerne flüchten würden? Aus Furcht vor einem Szenario, in dem die Pesttoten auf Straßen und Plätzen herumliegen? Oder wie in den beklemmend kontrastiven Schwarzweiß-Bildern von Murnaus „Nosferatu“-Verfilmung von 1922, wo die düsteren Schnabelmaskenträger diskret von Haus zu Haus gehen. Es ist freilich der Showdown zur Selbstopferung der weiblichen Hauptfigur, die, außer passiv Leidensgesten zum Ausdruck zu bringen, in dieser hundert Jahre alten „Symphonie des Grauens“ nicht viel zu tun hat. Den weltbösen Vampir im Morgengrauen zum – in diesem Fall – tödlichen Biß zu animieren, damit er, geblendet von ihrer Reinheit im ersten Sonnenstrahl puff macht und mit höchst dramatischer, ‚Schreck‘-licher Geste sozusagen verschwindet. Das wünschen sich zur Zeit viele, unterstelle ich – puff machen, und man ist wieder zurück in der guten alten Zeit der lebenswerten Gemütlichkeit, ohne Schnabelmasken, Nasenpopeltests und ohne den alltäglichen statistischen Hauch des Todes.

Dabei ist ja, um daran noch einmal zu erinnern, was wir derzeit erleben, ein völlig normaler Vorgang in der Natur, der Überpopulationen zurechtschrumpft, nur die Stärksten durchkommen läßt, damit die Überlebenden wieder genügend Nahrung finden in ihrem Habitat. Bei bestimmten Tierarten erleben wir dergleichen dauernd. Wenn, wie gegenwärtig, eine neue Mutante der Vogelgrippe unsere Breiten anfliegt, was mit den jährlichen Migrationsbewegungen der gefiederten Freunde unvermeidbar ist. Dann werden, bei ‚Befall‘, in europäischen Hühnerhöfen Millionen Tiere gekeult. Kalkulierter Massenmord sozusagen. Derzeit verenden in den östlichen Landkreisen an der Afrikanischen Schweinepest immer mehr Wildschweine – eine Art, die dank ihrer Intelligenz und im Schutz unserer agrarindustriell bestellten Maisfelder eine erhebliche Überpopulation ausgebildet hat. Die Jäger kommen kaum noch hinterher. Im Effekt bleiben aber nun die Betreiber von Schweinefabriken auf ihrer fleischlichen Massenware sitzen, weil China wegen der krankheitsbedingten, sagen wir, Verunreinigung kein europäisches Schweinefleisch mehr abnimmt. Die Ausbrüche unserer eigenen, menschengemachten Pandemie unter den – oft schlecht bezahlten und unter miserablen Bedingungen arbeitenden und wohnenden ost- und südosteuropäischen – Vertragsarbeitern bilden dazu eine ironische Fußnote der Geschichte.

Tatsächlich fällt die Zeitumstellung dieses Jahr in die ‚Kampf-um-Berlin-Phase‘ des pandemischen Geschehens: dritte Welle, wuchernde Mutanten, alle Alterskohorten in Gefahr, Kopflosigkeit bei den politisch Verantwortlichen, und die Bevölkerung, am Ende der Geduld, sozialpsychologisch spürbar geschädigt und wirtschaftlich in Teilen ruiniert, probt im aufblühenden Frühjahr an manchen Orten bereits den offenen Aufstand. Dabei sind die versprochenen Remedien bereits zum Greifen nah. Nur in die Arme gejagt wurden die inzwischen auf der Überholspur entwickelten Impfstoffe bislang noch zu wenigen Menschen. Denn das ist ja, auch im Denken, das oberste Ziel: Immunisierung, und zwar eines jeden gegen einen jeden anderen. Erst wenn wir uns alle gegenseitig gesundheitlich unangreifbar gemacht haben, werden sich die Konzertsäle, die Theater, Opernhäuser und Lesebühnen, die Gaststätten und Restaurants, die Museen und Geschäfte wieder vollkommen öffnen. Ohne den Impfstoff, das ist das Naturgesetz dieser Pandemie, laufen wir permanent Gefahr, uns gegenseitig auszurotten.

Das heißt – aber das möchte sich ja eben keiner vorstellen: die überfüllten Krankenhäuser, Leichenhallen, Krematorien und Friedhöfe. In einem informierten Artikel über die Impfstoffentwicklung war vor einigen Wochen zu Lesen, C sei zehnmal tödlicher als eine normale Grippe. Also alles auf Impfstoff. Ihm kommt in diesem ‚Kampf‘ die Rolle des ‚Befreiers‘ zu. Der Impfnachweis, so digital und intransparent wie möglich, wird der neue Reisepaß. Es ist ja nicht so, daß diese Logik nicht schon seit Monaten absehbar gewesen wäre.

Nun haben wir die Zeitumstellung, nun kommt sie nach und nach richtig in Fahrt. Und ein Wort wie Endkampfstimmung, in der es leider keine wagnereske blonde Schönheit gibt, die sich zu melodramatischer Filmmusik stellvertretend für die gesamte Menschheit opfert, um das Böse aus der Welt zu verbannen, gibt die aktuelle Situation auch recht treffend wieder. Hatte nicht der französische Präsident vor Jahresfrist mit napoleonischer Geste gesagt: Nous sommes en guerre? Wir sind im Krieg – eine Phrase, die Kopfschütteln hervorrief. Wo sind denn die Bomben, die uns auf die Köpfe fallen? Macht sich monsieur le président da nicht über die syrischen, jemenitischen und die Opfer all der anderen aktuellen Kriegs- und Krisengebiete lustig? Es ist eher metaphorisch gemeint gewesen, steht zu vermuten.

Allerdings wird aufgrund solcher Rhetorik und Metaphorik das gesellschaftliche Leben in einer Art und Weise eingeschränkt, die manch ältere Bewohner der östlichen Landkreise an überwunden geglaubte Erfahrungen mit der DDR denken läßt – von den Ländern des ehemaligen Ostblocks ganz zu schweigen. Obwohl der österreichische Publizist Robert Misik sehr hellsichtig die – nicht sehr gekonnte, aber bislang funktionierende – Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik der europäischen Regierungen beschrieben hat, nach der mit sanftem, nur punktuell stärkerem Druck und vielen verwirrenden (Des-) Informationen die Bevölkerung bei der Stange gehalten wird, ist das metaphorische ‚Kriegsbeil‘ der C-Verordnungen nicht wieder begraben worden und schwerlich wegzudiskutieren. Wenn man sich in ein paar Jahren erinnern wird, daß man etwa wegen nicht getragener Gesundheitsmasken oder gemeinsam in der Öffentlichkeit getrunkener Biere einen Strafzettel kassiert hat, wird es einem vielleicht kaum mehr vorstellbar erscheinen.

Zu hoffen bleibt, daß sich die Menschen, aus Protest oder ‚aus Überzeugung‘, nichts Schlimmeres antun. Durch die Impfungen werden, um im Bildraum Krieg zu bleiben, den Menschen kugelsichere Westen angelegt, die sie voreinander schützen. Als trachteten wir einander durch den Auswurf unserer Aerosole nach dem Leben.

Es ist wie so oft – denkt man die herrschenden Zustände in verschiedene Richtungen weiter, wird die Bizarrerie schier unerträglich. Die Impfungen werden uns schützen – sicher. Die Frage ist, wovor. Was hatte der Dichter Nicolas Born mit Blick auf die Umweltzerstörungen, gesellschaftlichen Konflikte und weltweiten Krisen der 1970er Jahre geschrieben? „Wenn wir immun sind dann sterben wir / an unseren Immunitäten.“ Insofern ist die Hoffnung auf einen Impfstoff immer auch eine Art Fata Morgana. Wird sie uns aus dem ‚Kriegszustand‘ herausbringen, wenn der allgemeine C-Friede erst einmal erklärt ist? Werden die weltweiten ‚heißen‘ Kriege und Konflikte enden, wenn die Weltbevölkerung ausreichend immunisiert sein wird? Oder werden sie dann gerade darum besonders hitzig geführt? Werden wir all die Maskeraden abwerfen, hinter denen wir uns nun schon seit einem Jahr aus Furcht vor uns selbst verstecken, und eine große Party feiern? Wird es überhaupt ein Danach geben, oder werden wir auf der Strecke bleiben?

„Wenn wir immun sind sterben wir / an unseren Immunitäten.“ Wir sollten nicht vergessen, daß die Uhren in sieben Monaten wieder zurückgestellt werden.

Konfirmation mit C

Samstag, 17. Oktober 2020

Es ist Herbst. Die Zahlen steigen. Der Elbpegel bei Dresden hat die Drei-Meter-Marke überschritten. Langsam beginnt die Kurve sich wieder abzuflachen, dabei hat der – lange ersehnte – Regen noch nicht aufgehört. Für die kommende Woche ist besseres Wetter vorhergesagt, wieder leicht steigende Temperatur.

Es ist Herbst. Die Zahlen steigen. C ist zurück, wer hätte das gedacht. Noch sind die Lenker der Staaten nicht kopflos, aber die Szenarien werden schon wieder düsterer. Beschränkungen ploppen auf wie Fenster, die sich nicht schließen lassen. Schließen müssen stattdessen die wenigen Vergnügungsorte, die über den Sommer überhaupt offen hatten. In den Nachbarländern schließen die Bars und Cafés, teils auch die Restaurants, viele Hotels. Noch sind die Menschen trotz neuer Höchststände nicht gewillt, sich das Recht, sich schlecht zu betragen, komplett nehmen zu lassen. Die Innenstädte maskieren sich zunehmend. Angehörige von Risikogruppen, so liest man, die sich nach draußen wagen und Schlangennachbarn an der Supermarktkasse oder den Taxifahrer bitten, ihre Mundschutze korrekt aufzusetzen, werden angeschnauzt oder ignoriert. Immer mehr Tests, langsam auch wieder mehr „intensivmedizinisch Versorgte“.

Und immer so weiter. Man möchte das alles nicht. Man möchte gar nicht viel, nur sein von kleinen Übertretungen und Selbstgefälligkeiten durchbrochenes unprätentiöses Leben von vorher weiterführen. Man hofft noch immer, so tun zu können als ob. Man darf sich nicht verunsichern lassen. Man wünscht sich mehr Gelassenheit. Man möchte das Wort C noch immer nicht aussprechen (tut es aber in jedem dritten Satz). Man fragt sich permanent, wie das weitergehen soll. Wann die Gaststätten und Hotels, die Schuh- und Textilgeschäfte, die Eventveranstalter in großem Stil Pleite gehen, wann die freischaffenden Künstler, Musiker, Sänger, Schauspieler, Dirigenten in der Sozialhilfe landen. Man fragt sich, wer das alles einmal bezahlen soll. Man fragt sich, wer die Denunziations-Webseiten mancher Großstädte, die C-Verstöße registrieren sollen, ausfüllt und das Häkchen bei der Datenschutzerklärung setzt. Man fragt sich, ob das alles nicht ein Fake ist, ein Versehen, so, als wäre Gott beim Frühstück die Kaffeetasse umgekippt und hätte die Welt der Menschen mit C beschmutzt. Man fragt sich, wann endlich der Aufräumengel kommt. Man fragt sich so vieles – und verachtet die Antwort-Fraktion, diejenigen, die sich C wegphantasieren. Sich gegenseitig – ohne Maske natürlich – auf die Schulter klopfen und in ihren Narrativen bestätigen, in denen C einfach nicht vorkommt. Man entdeckt neue Formen von Gläubigkeit, wenn man unbeabsichtigt Gartengesprächen lauscht, in denen ein Nachbar, der nachweislich an C erkrankt war, gegen Verwandte, Freunde, Bekannte, die ihm keinen Glauben schenken, einen schweren Stand hat. Deren ‚Glaube‘ dem alten Muster folgt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man ertappt sich dabei, sich zu fragen, ob man nicht irgendwie auch einer von denen ist. Im nächsten Moment ertappt man sich beim Gedanken daran, wie die Welt in zwei, drei Jahren aussieht. Wenn vielleicht eine in Teilen verarmte Weltgesellschaft, die ohne Maske nicht einmal mehr die Toilette aufsucht, allmählich herdenimmun geworden ist.

Taxilichter vor dem „Württemberger Hof“, gesehen durch die Gaze-Gardine

Es ist Herbst. Ich sitze in einem Hotel am Tisch und blicke durch Fenstergardinen auf den Bahnhof von Reutlingen. Reutlingen, ganz recht. Ich wohne hunderte Kilometer entfernt von hier. Früher bin ich eine Zeitlang regelmäßig mit dem Zug durch diesen Bahnhof gekommen. Von dieser Seite kannte ich ihn noch nicht: Samstag abend, ich blicke auf die – stark abstrahierten – Rücklichter und gelb leuchtenden Schilder zahlloser Taxis. Hin und wieder bemerke ich, wenn ich die Gardinen zur Seite schiebe, Gestalten auf den erleuchteten Bussteigen unterhalb meines Fensters. Durch die geschlossenen Scheiben höre ich manchmal Züge ein- und wieder ausfahren. Vor zwanzig Jahren hätte ich auch in einem solchen Zug sitzen können.

Im Radio habe ich heute auf der Herfahrt die Rede der Kanzlerin zusammengefaßt bekommen, feinster Konjunktiv aus dem Hause Deutschlandfunk, kulminierend in dem Appell, man möge unnötige Reisen doch bitte vermeiden. Ich habe viele hundert Kilometer zurückgelegt, mit dem Auto, isoliert, ohne den allgegenwärtigen Maskenzwang (als Fahrer würde man fürs Tragen derselben genauso bestraft wie als Fußgänger in Innenstädten von Risikogebieten fürs Nichttragen). Morgen, an einem Sonntag Mitte Oktober, werde ich in der Hauptkirche der Stadt einer Konfirmation beiwohnen, zu der ich seit langer Zeit schon eingeladen bin. Angesichts der Rede der Kanzlerin fühle ich eine gewisse Erklärungsnot. Aber welche Wahrheit gilt? Der alte Glaube, mit seinen aus dem Kirchenjahr gefallenen gesellschaftlichen Ritualen, oder die ‚neue Normalität‘?

Es ist Herbst. Und es ist genauso gekommen, wie es die Epidemiologen geweissagt haben. Wenn ich von meinem Tisch aufblicke, sehe ich hinter der Gardine die Taxikolonne in Bewegung. Manchmal fahren auch Busse, nun, in der Stunde vor Mitternacht. Menschen sind unterwegs, Menschen sind in Bewegung. Solange ihr Herz schlägt, werden Menschen niemals den kompletten Stillstand akzeptieren. Und sie werden sich lieber davon ablenken wollen, daß am Ende des Lebens nur der Tod auf sie wartet.

Vita Eurasiana oder Istrisches Eis

Ein Text aus dem Jahr Zweitausendunddrei

Als Eurasius Parenzo an einem dunstigen Septembermorgen des Jahres 521 in Lido di Venezia den Katamaran „Merchant of Venice“ bestieg, um an der istrischen Küste sein Glück als Vertreter für Gebetsmühlen zu machen, wußte er noch nichts von der großen Bedeutung, die sein Name einmal für die weite Landmasse zwischen Kanalküste und Kamtschatka haben würde. Er landete in einem namenlosen Fischerdorf, in dem ein Völkchen hausierender Viehzüchter lebte, das mit Marderfellen handelte.

„Das sind gute Menschen“, sagte sich Eurasius und ließ sich nieder. Schon nach kurzer Zeit hatte er sämtliche Bewohner des Ortes bis hin zum frischgeborenen Säugling mit seinen Katholizismusblastern versorgt und sich mit den dafür eingeheimsten Marderfellen, die er an die gelegentlich vorbeisegelnden Venezianer vertickte, einen gewissen Wohlstand verschafft. Immer wenn die Dorfbewohner nun seiner ansichtig wurden, verfielen sie in ein gebetsmühlenartiges Wiederholen seines Namens. „Parenzo, Parenzo, Parenzo“, ertönte es, sobald er die Via Decumanus entlangschlappte, weshalb das Fischerdorf bei den Venezianern auch bald Parenzo hieß.

Eurasius aber war das gar nicht recht, und er sagte sich: „Ich muß die Leute auf neue Gedanken bringen. Wenn sie schon beten wollen, muß eine Kirche her.“ Doch die Dorfkasse war leer, und die Venezianer rissen sich schon lange nicht mehr um Marderfelle.

Eurasius beschloß, loszuziehen und auf eigene Faust Geld aufzutreiben. Die Oströmer waren reich, aber er hatte keine Ahnung, wo das lag – Ostrom. Er lief nordwärts und landete in Tergentinum, wo man ihm eine heiße schwarze Suppe namens Caffè Illyricum vorsetzte. Angeekelt ging er weiter, krabbelte den Karst hinauf, durchstreifte Wälder, zog über hohe Berge, trieb viele Wochen einen breiten Fluß hinab, bis er in ein Land kam, wo alles Datscha hieß. Ein griechisches Schiff nahm ihn als Rudergast auf. „Ostrom?“ fragte Eurasius den Käpt’n. „Yes, yes“, sagte dieser und legte ihn in Ketten. Und weiter ging es übers Meer, in einer Hafentaverne in Trapezunt entkam er seinen Sklaventreibern, wanderte monatelang eine Pipeline entlang über ein ungemütliches Gebirge und kam an ein weiteres Meer. So ging es fort und fort, und noch immer hatte Eurasius kein Geld beisammen, das er heim in seine Marderstadt schaffen konnte.

Nach vielen Jahren Wanderung durch mörderische Wüsten, mückenreiche Steppen und zuletzt durch ewige Winterlandschaften trat Eurasius an einem milden Frühlingstag – das Thermometer zeigte minus zwölf Grad – an eine Steilküste. „Hier ist das Land nun endgültig zuende“, sagte er traurig. Er war mittlerweile ein betagter Mann, und die Fährnisse des Wanderns und der Permafrostboden Ost-Tschuktschiens hatten ihn mürbe gemacht. Ratlos setzte er sich nieder und biß mit den drei ihm verbliebenen Zähnen übellaunig in ein Stück Eis, das ihm ein Yogi aus dem nahen Uelen geschenkt hatte. Es schmeckte süß. Er betrachtete es genauer. In der zarten Eiskugel waren winzige Stücke eines Würzkrautes eingefroren, das dem Eis Geschmack verlieh.

Er hatte eine Erleuchtung. Nun war er im wahrsten Sinne des Wortes bis ans Ende der Welt gelaufen, um eine geniale Geschäftsidee zu bekommen. Er mußte nur eine Methode erfinden, im adriatischen Klima Eis herzustellen und schmackhaft zu machen. Dann würden sie in Null Komma Nix das Geld für ihre Kirche zusammen haben.

Sofort machte er sich auf den Rückweg. Als er nach siebeneinhalb Jahren wieder in Parenzo eintraf, hatte er den Plan zu einer perfekten Eismaschine in der Tasche. Die Leute erkannten ihn zwar nicht und wollten ihn fressen. Als sie aber Eurasius’ donnernde Stimme vernahmen, verfielen sie sofort wieder in ihre alten Gebetsmühlen.

„Immer noch die alten Heiden, was?“ rief er. „Ich war am Ende der Welt und habe euch etwas mitgebracht, das den Ruhm und Reichtum von Parenzo begründen wird.“

Über Nacht konstruierte er seine Maschine und überraschte die Dorfbewohner am nächsten Morgen mit etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hatten: Speiseeis. Das Erstaunen war so mächtig, daß es niemand probieren wollte. Also tat Eurasius es selbst. Dummerweise bekam er davon Durchfall, von dem er sich nie wieder erholen sollte. Er starb bald darauf einsam und verlassen, weil ihm niemand glauben wollte, daß er die Beringstraße gesehen hatte.

Die findigen venezianischen Kaufleute bekamen indessen Wind von Eurasius’ Erfindung und kauften sie den Leuten von Parenzo für einen Apfel und ein Ei ab. Als diese merkten, daß das Eis drüben in Italien großen Erfolg hatte, ärgerten sie sich grün und blau. Sie nahmen den Apfel und das Ei, bauten Eurasius’ Maschine nach und stellten Eis her, was ihnen aber nur unzureichend gelang.

Immerhin konnten sie aus dem Erlös ihres Apfeleises eine Kirche errichten und weihten sie dem Heiligen Eurasius. Noch heute kann man im Mosaik der Apsis Eurasius mit seiner Eismaschine erkennen. Auch der Kontinent, über den sich in den folgenden Jahrhunderten Eurasius’ Erfindung verbreitete, trägt den stolzen Namen Eurasien. Nur vom istrischen Eis kann man bis auf den heutigen Tag Bauchschmerzen bekommen.

Eurasius Episcopus Cum Apparatu Glacifice, 6. Jahrhundert n. Chr.

Herdenimmunität

Freitag, 22. Mai 2020

Redet eigentlich noch jemand von Herdenimmunität? Also der ‚Durchseuchung‘, welche die Menschheit gegen die neue Gefahr immunisieren soll? Es war einmal das Wort der Stunde, einige Wochen ist das her, aber schon damals wollte es keiner hören. Herdenimmunität – wie klingt das denn auch? Als wären wir Tiere, die man zur Schlachtbank führt, wie die vielen armen Viecher, die die südosteuropäischen Wanderarbeiter in Coesfeld und anderswo für unsere grillfleischbereiten Mägen verwursten. Vom antibiotikagepäppelten Schlachtvieh, das sie supermarktfertig machen, haben sie das Virus sicher nicht bekommen. Immerhin hat die Tatsache, daß durch ihre unfreiwillige C-Party mehrere Landkreise von den nachviralen Lockerungsübungen abgeschnitten wurden, die lange bekannten skandalösen Mißstände in der hiesigen Fleischindustrie an den Tag gebracht. Herdenimmunität einmal anders – leider steht nicht zu erwarten, daß das Interesse am Schicksal der betroffenen Wanderarbeiter anhält, daß ihre Situation verbessert und den Fleischproduzenten das Handwerk gelegt werden kann. Man kennt das ja: ist die Herde erst einmal immun, ist hinterher alles nicht so schlimm gewesen. Wir können schon heute gespannt sein, auf welche Weise wir uns an die C-Ära erinnern werden: leergefegte Regale bei Teigwaren, Hygieneartikeln und Milchprodukten? Oder daß man ein paar Wochen lang in New York Vögel zwitschern hören, von Lyon aus den Montblanc sehen konnte?

Die Vorstellung, daß wir alle durchseucht sein, daß wir es alle bekommen müssen, um es zu überwinden, hat etwas Unerhörtes – und steht in bemerkenswerter Diskrepanz zu den visuellen Gegenmaßnahmen, wie zum Beispiel den Masken im öffentlichen Leben. Die zugrundeliegende Bildidee ist hier ja, daß eine Trennung, ein Schutz, eine Mauer errichtet wird, um die bösartigen unsichtbaren Organismen vom Eindringen in unsere Biomasse abzuhalten. Eine ähnliche Bildidee – Verzeihung die Assoziation – liegt der ‚Abwehr‘ von unkontrolliert ‚hereinströmenden‘ Flüchtlingen oder „Asylanten“, wie man in den 1980er Jahren sagte, zugrunde. Da werden Zäune, Minenstreifen, Mauern errichtet, Bollwerke wie der „antifaschistische Schutzwall“, um die unerwünschte, unbekannte Gefahr abzuhalten. Ich weiß nicht mehr, wer mir vor vielen Jahren erklärt hat, daß man sich vor den landläufigen Viren imgrunde nicht – oder nur, wie wir jetzt wissen, mit hochspezialisierter und schwer beschaffbarer Bekleidung – schützen kann; vielleicht war es ein Hausarzt, ein Krankenpfleger, ein vertrauenswürdiger Verwandter. Weil es ähnlich hochansteckend ist, haben ausgewiesene Experten wie der US-amerikanische oder brasilianische, der türkische und anfangs sogar der britische Staatenlenker C zunächst als mutiertes Grippevirus verharmlost – die Folgen baden in allen Teilen der Welt wie immer diejenigen aus, deren Organismus nicht oder wenig geschützt ist: die Armen, die Alten, die Kranken; diejenigen, die keine Lobby haben.

Am Anfang der C-Krise hatte ich die Vorstellung, das Virus sei eine Art Funktion zur Selbstregulierung der menschlichen Population: Krankheiten entstehen oder wandern in andere Regionen ein, und bis wir uns angepaßt oder ein Gegenmittel entwickelt haben, sind wir ihnen weitgehend ausgeliefert. Ich gebe zu, das liest sich ein bißchen wie die abstrakte Fassung der Pest-als-Strafe-Gottes-Vorstellung. Aber man kennt ja die Geschichte vom eingeschleppten Schnupfen, mit dem die Spanier im 16. Jahrhundert in Mittel- und Südamerika weit mehr Menschen getötet haben als durch das Schwert. Die vollständige Auslöschung der Menschheit wird in H.G. Wells’ dystopischem Zukunftsroman Der Krieg der Welten von 1898 nur durch eine geheimnisvolle Krankheit verhindert, die plötzlich unter den Marswesen ausbricht und die zerstörerischen Eindringlinge komplett hinwegrafft. In Wells’ Fiktion scheint es die Selbstregulierung, zu der auch die das Überleben sichernde Durchseuchung und – in der Folge – Immunisierung der Population gehört, nicht zu geben. Es ist auch ein Bild, eine Metapher für unsere Gegenwart.

Gegenwärtig ist die Fiktionalisierung des epidemischen Geschehens in vollem Gange, und in weiterem Sinne hat auch das mit der Ausbildung von Herdenimmunität zu tun. Ich hatte kürzlich zufällig Gelegenheit, als Zaungast die, die dagegen sind, und die, die gegen die, die dagegen sind, sind, bei ihren Kundgebungen auf dem Leipziger Markt zu beobachten. Die C-Leugner, Shutdown-Kritiker und Verschwörungstheoretiker hatten sich zu Hunderten auf der einen Seite des Platzes um einen Einpeitscher geschart, den ich nicht sehen und hören konnte. Vermummungs- und Abstandsregeln wurden auch von den eingesetzten Polizei-Ordnern nicht durchgesetzt. Auf der anderen Seite stand eine weit weniger zahlreiche Gruppe mit Plakaten, die die Gefährlichkeit von C herausstellten, maskiert und in gebotenem Abstand zueinander, und lauschte ihren Rednern im Zeichen von Regenbogen- und rotschwarzen Fahnen. Klatschen und lautes, selbstgefälliges Gejohle auf der Leugnerseite wurde mit Musik und angestrengter politischer Rhetorik aus den Lautsprechern der fast staatstragend auftretenden Antifa beantwortet. Ein kurioses Bild! Und täuschte ich mich, oder ruhten die Augen der Staatsmacht aus alter Gewohnheit vor allem auf den linken ‚Störenfrieden‘ aus dem Stadtteil Connewitz?

Was mich an denen, die dagegen sind, also den Hygienedemonstranten, 2020-Widerständlern und Nicht-ohne-uns-Könnenden am meisten frappiert, ist die fiktionale, erzählerische Struktur ihrer verschwörungstheoretischen Grundierungen. Neue Weltordnung, 5G-Strahlung, Chemtrails, das Geheimlabor, aus dem das Virus entkam, und was dergleichen mehr ist – diese tiefe Überzeugung, daß C nicht aus dem Nichts kommen (also von Tieren auf Menschen übergesprungen sein) kann, setzt die Narration eines – wie abenteuerlich auch immer gearteten – Gegenentwurfs gegen die Realität des Chaos. Die Psychologin Pia Lamberty nannte im Interview mit der tageszeitung vom 20./21. Mai 2020, neben dem menschlichen Urbedürfnis, die Welt unterkomplex begreifbar zu machen, als Grund für die gegenwärtige Attraktivität von alternativen Erklärungen „ein gesteigertes Bedürfnis nach Einzigartigkeit“. Dem wohnt eine perfide Logik inne, weil man sich immer im Recht wähnen kann, wenn „man über eine Art Geheimwissen verfügt“, und wer die darin aufscheinende Wahrheit nicht erkenne, sei „naiv, blind, systemtreu oder sogar der Feind selbst“.

Schwarzweißdenken und Aufwertung der eigenen Persönlichkeit – die Parallelen zu Pegida und anderen zeitgenössischen ‚Alternativen‘ im rechten politischen Spektrum sind unübersehbar, nur daß sich im bunten Volk der Verschwörungstheoretiker, das laut Schätzungen zwanzig bis dreißig Prozent der Bevölkerung ausmacht, alle politischen Lager vertreten finden. Ist damit schon alles über diese stattliche Gruppe gesagt? Ich hatte selbst kürzlich eine Begegnung, die das Dilemma mit der Kritik an der Krise deutlich machte. Als bekennender Maskenverächter, der sie aber selbstverständlich, wo verlangt, aufsetzt, wurde ich im Gespräch mit einem Nachbarn zur Rede gestellt. „Bist du etwa auch einer von denen?“ Nur weil ich mir erlaube, über Sinn und Unsinn mancher staatlichen Maßnahmen in Verbindung mit C eine eigene Meinung zu haben? Das Tragische daran ist auch, daß der Gegenprotest in dieselbe Logik eingebunden ist – und man sich als Zaungast auf dem Leipziger Markt, der doch genauso Anteil nimmt an der Entwicklung und ‚Durchseuchung‘ der Gesellschaft, lieber nirgendwo dazustellt.

„Die Anliegen auf den C.demos – der Überwachungsstaat, das Aushebeln von Grundrechten, ein korruptes System – all das sind eigentlich klassisch linke Themen“, schreibt Juri Sternburg in der tageszeitung vom 13. Mai 2020. „Benutzt werden sie jedoch von rechten Demagogen.“ Man könnte sagen: die Durchseuchung ist in vollem Gange. Ich fürchte nur, wir, also die Herde, werden uns verändert haben, wenn wir erst einmal immun geworden sind.

Nachbemerkung: Über C gibt es nicht mehr so viel zu sagen. Wir kennen uns ja inzwischen, und es ist Sommer auf der Nordhalbkugel. Was uns, die Herde, anbetrifft, wird es hingegen immer komplizierter. Freuen wir uns auf den Winter.

„Tag der Befreiung“

8. Mai 2020

Über C gibt es nicht mehr viel zu sagen. Das war schon zu Beginn der Krise so, aber man möchte hinterher nicht altklug erscheinen. Nachdem die Eskalationslogik und -rhetorik nicht mehr verfängt, überschlägt sich die Riege der Stirninfaltenleger nun in Normalisierung. Das Virus ist nicht besiegt, vor allem im Kopf werden wir noch lange Freude daran haben. „Das Virus besiegen“, wie es im Populärsprech heißt, ist ungefähr so sinnvoll wie „den Tod besiegen“. Indes, wir haben genug davon. Schon sparen sich die Supermärkte Türsteher und Desinfizierer, kommt es an den Kassen zu ersten Rangeleien. „Es geht nun schon so lange…“ Die Zeitung brachte vor Wochen eine Meldung aus dem Süden Italiens, wo angeblich Unruhen auszubrechen drohten. Das wurde dann mit einem Mafiaargument entkräftet. In den Köpfen wirkt aber das Virus, nicht die Mafia. Der Gedanke ans Virus läßt auch die Ungeduld wachsen: es ist genug, wenn es genug ist.

Die deutsche Kanzlerin in ihrer vorsichtigen Art wird nun „von den Landesfürsten entmachtet“. Das ist der Stil, in dem darüber berichtet wird. Hervor tun sich nicht von ungefähr zwei konservative Ministerpräsidenten, denen ein gewisser Wille zur Macht nachgesagt wird. Der eine (aus dem Bundesland oben links) will sofort und liberal, der andere (aus dem Bundesland rechts unten auf der Karte) will langsamer und mit staatlicher tutelle zurück zur Normalität. Wer am Ende die Nase vorn hat, wird der nächste Kanzler. So muß man dieses Schaulaufen zumindest deuten. Das Volk beginnt zu murren. Brot gibt es, aber die Spiele fehlen schon viel zu lange. Darum soll es wenigstens Geisterspiele geben. Und Rigatoni mit Mundschutz.

Die Maskerade wird uns noch lange beibleiben. Auch hier wirkt das Virus im Kopf. Nun, da allenthalben der Verkehr zu- und der Abstand zueinander – endlich, könnte man sagen – wieder abnimmt, sind die Masken das perfekte visuelle Alibi, um keine Angst voreinander zu haben. Hatte man da nicht einmal den Chor der Chefvirologen im Ohr, daß ein einfacher Mundnaseschutz kaum hilft? Egal. Auch die Warnung vor der „zweiten Welle“ ist jetzt erstmal unwichtig, denn es wird Sommer auf der Nordhalbkugel, im eigenen handtuchgroßen Garten. Wie zu erwarten sind die Masken mittlerweile integraler Teil des öffentlichen Lebens. Ich muß dazu sagen, daß ich mich an die Dinger nie gewöhnen werde. Über die Hälfte des Gesichts eines Menschen fehlt. Wie soll ich wissen, ob mir der Typ, der im Laden soeben die letzte Weinflasche in den Einkaufswagen stellt, nicht die Zunge rausstreckt? Auch an öffentlichen Orten, wo keine Maskeradenpflicht herrscht, spürt man den bohrenden Blick der Ängstlichen: zieh das Ding auf!

In letzter Zeit fällt mir öfter ein, was Sebastian Haffner in seiner immer noch lesenswerten „Geschichte eines Deutschen“ über seinen eigenen Umgang mit der nach 1933 eingeführten kuriosen Pflicht, den Hitlergruß zu erwidern, schreibt. Er entwickelte damals eine eigene Art der Vorausschau, drückte sich etwa schnell in einen Hauseingang, um einer zufällig vorbeiparadierenden SA-Kolonne nicht den Arm entgegenstrecken zu müssen. Dies ist kein Nazivergleich, allenfalls eine etwas ungelenke Analogiebildung, aber was kann man gegen die eigenen Assoziationen ausrichten? Ich will damit nur gesagt haben: bitte vor lauter sozialer Anti-C-Kontrolle keine neuen Exzesse blinden Gehorsams im Kampf gegen den „unsichtbaren Feind“. Mein Gesicht gehört mir!

Aber mal Hand aufs Herz – sind das nicht alles Details eines Szenarios, das bereits in den ersten Wochen absehbar war, als noch darüber diskutiert wurde, was wann und wie schnell abgesagt und geschlossen werden würde? Wir wissen doch, wie wir selbst ticken. Jetzt ist der „Tag der Befreiung“ da, nicht nur wegen 75 Jahren Kriegsende. Und daß es eher häßlich zugehen wird, wenn es gilt, Löcher in der eigenen und in der staatlichen Haushaltskasse zu stopfen, das kann man genauso an seinen zehn Fingern abzählen. Deutschland, das wahrscheinlich nicht mal seine C-Toten richtig zählt, steht dabei am besten da – wie immer eigentlich. Was Keynesianern den Atem stocken läßt: sogar die Gelddruckmaschinen wurden wieder an- und Milliarden unters Volk geworfen, jedenfalls auf dem Papier. Nur irgendwelche obskuren „Bonds“ auszugeben, die den Verlierern im Süden vielleicht bei der finanziellen Krisenbewältigung nützen könnten – sorry Leute, das geht mit uns nicht. Schön, wenn man infolge der geschlossenen Grenzen nie von außen auf sein eigenes Land zu schauen – und sich auch nicht zu schämen – braucht.

Worauf will ich hinaus? Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Es begann mit einem altklugen Spruch: „Über C gibt es nicht mehr viel zu sagen“. Und ist denn nicht auch das weitere Prozedere absehbar? Der Föderalstaat als Summe seiner Teile hat die Verantwortung auf die Teilstaaten und Kommunen abgewälzt, weil vor Ort das Ausmaß von C wirksamer eingeschätzt werden kann. Einen Shutdown wird es also vielleicht nicht mehr geben, aber wer über Nacht das Pech hat, in einem Landkreis mit zu hoher Mortalität zu wohnen, wird seine Lieben in Nah und Fern vielleicht noch monatelang entbehren müssen. Es wird auch wieder Restaurants geben, Schulen dürfen öffnen, Theater vielleicht, Konzerthäuser. Ob es sich mit den definierten Personenabständen rechnet, wenn in einer gutbesuchten Kinovorstellung 50 Menschen einen Blockbuster sehen, bleibt fraglich. Tag der Befreiung in Zeiten von C? Vielleicht gibt es noch ein paar Überlebende von 1945, die darüber lachen können.

Maskenball

Donnerstag, 23. April 2020

Unsichtbares sichtbar machen – so könnte man den allenthalben verpflichtend werdenden Gesichtsschutz auch betrachten. C, die unsichtbare Gefahr, die alle im Munde führen – sie würde gebannt, wenn wir die Visiere herablassen. So muß man es wohl verstehen. Von einem Tag auf den anderen gibt es kein Brot, keine Wurst, kein Toilettenpapier mehr ohne Maskerade. Ob das traurige Bild, das Busse und Bahnen derzeit abgeben, dadurch aufgehellt wird? Ob wir diese neue Form der Bevormundung mit Würde tragen – oder mit Verachtung? Motorradfahrer zumindest profitieren, da sie zum Einkauf im Supermarkt den Helm nicht mehr abzunehmen brauchen. Helmpflicht zum Schutz der Bevölkerung, als Unterpunkt zum Erlaß des Maskenzwangs? Auch verschleierte Frauen dürften sich klammheimlich darüber freuen, daß das Verbot des einen nun durch ein Gebot des anderen, das ‚Gebot der Stunde‘ sozusagen, de facto aufgehoben ist und sie gute Argumente des Gesundheitsschutzes gegen die nimmermüden Nachstellungen durch die deutsche Leitkultur vorbringen können.

Der allgemeine, in den Frei-Staaten zuerst erzwungene Mummenschanz wird offenbar nicht nur klaglos hingenommen, sondern scheint sich bereits als neues Modellierungsinstrument für die Persönlichkeit zu etablieren. Mundschutz ist stylisch! Sogar einzeln reisende jüngere Automobilisten werden damit gesehen. Man kann gespannt sein, wieviel Prozent der sozialen Netzwerksnutzer sich auf ihren Statusbildern, in humoristischer Manier oder visuell vorauseilendem Gehorsam, maskieren. Da gibt es diese Fotos vom Mundschutz aus gebratenem Speck, der wohl nicht allzulange vorhalten wird. Oder vom smarten, über jeglichen Zweifel erhabenen Jungautor mit vorgebundenem Ganoventuch beim Betritt der örtlichen Sparkasse. Weniger schön ist das still angewachsene Aufgebot an Türsteherinnen und Türstehern, die einen ohne was vorm Maul unter Umständen mit harschen Worten vom Besuch des Drogeriemarkts oder der Postfiliale abhalten.

Es machen auch amüsante Meldungen die Runde, vom Dresdner Rathaus etwa, wo in der Tradition der mildtätigen Könige 200.000 Masken kostenlos unters Volk geworfen wurden. Eine solche Segnung durfte man sich nicht entgehen lassen, also sieht man auf Bildern eine endlose Schlange vorwiegend älterer Einwohner stundenlang anstehen und sich größten viralen Gefahren aussetzen, um die unsichtbare Gefahr zu bannen – mit Sichtbarkeit. Es sind ja nicht nur sportgestählte Läufer, Radler in Funktionskleidung, sondern auch ganz gewöhnliche Gassi- und Spaziergänger an der frischen Luft, die da in Maskerade auftreten. Manche kommen womöglich soeben vom Einkaufen und haben sich die Schutze in der Manier der Klinikärzte nach einer langwierigen OP unters Kinn geschoben, um einfach mal durchzuatmen.

Aber es ist schon so – und man kann gespannt sein, wie die Entwicklung verläuft –, daß sich die unzähligen und vielgestalten, für teuer Geld aus der Apotheke oder zu Pfennigbeträgen aus dem Baumarkt weggetragenen, liebevoll selbstgehäkelten oder aus der Klamottenkiste von der letzten Demo des schwarzen Blocks hervorgekramten Verkleidungen der unteren Gesichtshälfte auch zu einem patriotischen Akt stilisieren lassen. In dieser populistischen Diktion von Radiomoderatoren und Landräten: Wir tun was für unsere Jungs und Mädels! Und es ist auch klar, daß wir mit diesen Erlassen zum Volkswohl auf längere Sicht nicht mehr öffentlich „Zum Wohl“ sagen können werden, denn wie soll man bitteschön durch einen Lappen vorm Maul ein Glas Wein oder Bier trinken, wie ein Risotto oder eine Schweinshaxe vertilgen? Für die sieche Gastronomie bleibt derzeit nur das Speak-easy-Prinzip, Pommes und Kuchen, Kaffee und Cola aus der Luke zu reichen und die Hungrigen und Durstigen mit ihren Papptellern und Plastikbechern an den abgesperrten Terrassen und Tischen vorbei auf die Grünflächen zu scheuchen, wo schon der strenge Blick des Ordnungsamts die Abstände zwischen den Kauenden mißt.

Sichtbarkeit. Man muß die performativen Widersprüche, die sich aus dem Umgang mit der „unsichtbaren Gefahr“ ergeben, als Chance begreifen. Wer allerdings frotzelig vom „Vermummungsgebot“ spricht, wird scheel angesehen – ich habe das schon gemerkt. Überhaupt ist das Formulieren von Kritik mit C nicht einfacher geworden. Die systemische Geschlossenheit der Netzwerke hat die Diskussionskultur schon soweit unterwandert, daß weggebissen wird, wer eine abweichende Meinung äußert. Wozu der Mummenschanz, ließe sich fragen – und schon in meiner Wortwahl ist die Rhetorik der Frage vorauszusehen –, wenn die Experten wochenlang behaupten, einfache Stoffwickel oder billige Masken hätten so gut wie keine Wirkung, und jetzt um 180 Grad quasi auf Regierungslinie umgeschwenkt sind. Das Unsichtbare, dem Emmanuel Macron und die anderen schon einmal den Krieg erklärt haben, wird durch Sichtbarkeit domestiziert, psychologisch eingehegt, auf Abstand gehalten. Wir fühlen uns wohler, an der Maske im Gesicht des Unbekannten zu erkennen, daß uns dieser keinen Tort antun kann. Hoffentlich vergessen die Sicherheitsexperten nicht, daß auch die inkriminierten Musulmaninnen zuhause den Schleier ablegen – daheim gilt keine Maskenpflicht. Eine Kritik an dieser Entwicklung zu formulieren ist tatsächlich schwierig, da die Burgfrieden-Mentalität weitverbreitet und so etwas wie ein ziviler Ungehorsam inzwischen von Verschwörungstheoretikern und rechten Trollen teilweise gekapert und diskreditiert worden ist.

Was also tun? Sich vom Wachschutz anpflaumen oder von der Polizei abkassieren lassen? Zu lästig, zu teuer. Oder sich ganz subversiv eine Guy-Fawkes-Maske vorbinden? Auch nicht sonderlich originell und wahrscheinlich nicht zielführend. Oder mit gutem Beispiel vorangehen und sich gottergeben beim Bäcker die Brötchen eben mit vermummter Mund-Nase-Partie kaufen? Ich werde mich wohl einfach selber soweit es geht unsichtbar machen, den Ratschlägen der Experten folgend zuhause bleiben oder abseits halten, so selten wie möglich Geschäfte aufsuchen und den Winterschlaf solange fortsetzen, bis das Leben wieder lebbar wird. Vielleicht werde ich mir irgendeinen Bal masqué von Debussy oder Poulenc auflegen oder dem entzückend maskierten Monsieur Hulot in Jacques Tatis „Ferien“ dabei zusehen, wie er die ebenso entzückend kostümierte schöne Unbekannte aus der Pension gegenüber Runde um Runde übers leere Tanzparkett schwenkt.

C im Namen, Virus im Kopf

Freitag, 17. April 2020

Es ist die Zeit der Tagebücher, und alle führen das C im Namen. Man muß irgendwas beginnen, Home Office, Home Schooling, Home Boring – das ist nicht auslastend, das stiftet schier nicht genug Sinn. Also festhalten und der Welt ‚medial‘ kundtun, wie sich das (Nicht-) Erlebnis ‚eigene vier Wände‘ anfühlt. Gehe durch einen Spiegel alias Handy- oder Laptopkamera in die Welt, zumal wenn du zu den betroffenen Gruppen gehörst, denen nun mangels Auftrittmöglichkeiten die Existenzgrundlage wegbricht. Ja, wir sind alle infiziert mit irgendwas, zuvörderst mit Zahlen, die irgendwo stimmen und – so gar nicht im Sinne von Hannah Arendt – zur Berechtigung und Ermächtigung herhalten müssen. Vielleicht sind wir auch infiziert mit C, das nun alle im Namen führen, so genau weiß das keiner, weil es nicht flächendeckend erhoben werden kann, sicherlich sind unsere Köpfe alle damit infiziert. Einem Autorenkollegen, der im Ausland in einer Residenz für Stipendiaten festsitzt und sich halbstündlich, nach eigenem Bekunden, „die Hände blutig“ wäscht, attestierte eine befreundete Kollegin, der ich davon erzählte, eine nervöse Störung.

Tagebuch ist aktuell wie nie: jeden Tag aufstehen, Kinder bespaßen, Nachrichten lesen und auswerten, Anträge schreiben, Büroaufgaben erledigen und Sinn stiften, um die eigene Existenz auch in Zeiten von C zu rechtfertigen. Nicht wenige haben auch dafür keine Zeit: Klinikpersonal, Versandsklaven, Supermarktkassierer und solche, die in „relevanten Industrien“ arbeiten. Die sich trotz allem in ihren geschlossenen Läden zu schaffen machen. Solche Schriftstellerkollegen, Musiker, Künstler, die nun doppelt soviel arbeiten für fast kein Geld. Und alle verbindet – das ist bereits absehbar –, daß sie in sechs bis zwölf Monaten von dem ‚Spuk‘ nichts mehr werden wissen wollen. Trotz großer Beschwörungen, es müsse sich nun alles ändern, gesellschaftlich, ökonomisch, politisch. Trotz all der nun entstehenden Kunst und Kultur, die das C im Namen führt.

Soll ich auch Tagebuch schreiben? Ich habe nichts zu leiden. Ein Job beschert mir Kurzarbeitergeld, ein anderer erlaubt mir zwei Nachmittage die Woche im Büro. Ich schlafe und muß mir meist keinen Wecker stellen. Ich stehe auf, frühstücke, lese alte Zeitungen, notiere manchmal Einfälle oder versuche zu texten, was sich aber verlagern kann und von vielerlei – und nicht selten vergeblichen – Reprisen gekennzeichnet ist. Ich versuche, jeden Tag etwas Klavier zu spielen, höre die aufflackernden Radio- und Fernsehprogramme der Nachbarn im Haus, die spielenden Kinder durchs geöffnete Fenster, die Häcksler und Schleifmaschinen in den angrenzenden Gärten. Ich sitze am Computer und verplempere meine Zeit mit Nachrichten, Netzwerken, irgendwelchen Websites. Ich gehe einkaufen, Flaschen wegbringen, spazieren. Ich trinke Tee, versuche mich auf Lektüren zu konzentrieren, bricoliere mit angefangenen Texten vor mich hin. Telefoniere, bereite irgendein Abendessen zu, sehe ein wenig fern, telefoniere wieder oder höre Musik und versuche zu lesen. Und profitiere von der „Reisefreiheit“ für „Lebenspartner“. So sind die Tage. Alle Tage. Tapferkeit vor dem Freund.

Zeitgleich sind die Landesgrenzen zu, Zusammenrottungen verboten, die meisten Geschäfte geschlossen. Die ans Meer grenzenden Bundesländer führen innerdeutsche Grenzkontrollen ein. Die Buchhandlungen sind in Sachsen-Anhalt geöffnet, in Sachsen geschlossen. Die eigenen Eltern sitzen weit entfernt als „Risikogruppe“ in ihrem Haus oder Altenheim mit Besuchsverbot und lassen sich vom Virus im Kopf oder von Vereinsamung und Langeweile die Seele verdüstern. Die Wirtschaft mosert, die Kulturschaffenden sind unzufrieden, die Politik mauert, und die Epidemiologen geben bedauernd zu Protokoll, daß die „Herdenimmunität“ noch lange nicht erreicht sei. Die alte Dame, die in den letzten Jahren den Strom- und Wasserableser in meine Wohnung gelassen hat, ist eine Woche nach einer Infektion mit C gestorben. Ihr Sohn, mein Nachbar, ist eben in Rente gegangen, ebenfalls infiziert und mit heftigen Symptomen zuhause eingekarzert, inzwischen aber genesen und ‚herdenimmun‘ wieder auf freiem Fuß.

Ich rätsele, wer oder was gegen wen oder was überhaupt immun sein kann bei der Chose. Die ersten Präsidenten mit Hang zur Autokratie nutzen C bereits, um ihre Despotie fest zu verankern. Der Krieg in Syrien geht weiter. Die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer werden einfach nicht mehr beachtet. Unsere europäischen Ärsche sind jetzt wichtiger. Mithilfe des Infektionsschutzes können die Freiheitsrechte prima noch monatelang eingeschränkt bleiben. Und wir können dürfen wollen nichts machen. Wir sind einsichtig, schließlich geht der „Schutz der Bevölkerung“ – nächstens wohl der „Mundschutz der Bevölkerung“ – vor.

Tagebuchschreiben ist wieder in. Welchen Stuhlgang hatte ich am Tag X nach dem Shutdown. Wieviel Kilo habe ich zugelegt/abgenommen durch C. Wie viele Rollen Klopapier habe ich heute erbeutet. Krisenzeiten sind meist ein Spiegel des wahren Zustandes einer Bevölkerung. Alles ist gut, wir klopfen uns gegenseitig auf die Schultern, mit zwei Metern Sicherheitsabstand. Haltet durch, bleibt gesund. Alle sind einsichtig. Es ist kein schöner Zustand.

„Alte Karten von Flandern“ erschienen

Cover_Alte_Karten

In diesen Reisegedichten flackert immer wieder die Neugier und Zugewandtheit des lyrischen Ichs auf … Wenn Wilden im Gedicht über die Rheinbrücke in Duisburg fährt, sich an den Vater erinnernd, denkt man auch an den früh verstorbenen Nicolas Born, und möchte vor beiden den Hut ziehen! Dieses Debüt macht Lust auf mehr.

Tom Schulz, Luxemburger Tageblatt

Patrick Wildens Debütband „Alte Karten von Flandern“ enthält zahlreiche Gedichte, die man sich ausschneiden und an die Pinnwand heften möchte. …
Wilden ist kein Dichter, der das Politische ins Gedicht zieht. Dafür ist er zu feinnervig. Er weiß, dass starke Worte das Poetische zerstören können. …
Viele Gedichte von Wilden sind voller Geheimnis, andere zeugen von einem feinen Humor. Kaum zu glauben, dass es sich um ein Debüt handelt.

Axel Helbig, Ostragehege und Dresdner Neueste Nachrichten

Wildens Gedichte kartieren die das lyrische Subjekt (mal ein Ich, ein Du oder ein Wir) umgebende Umwelt auf ihre spezifische Art und Weise selbst, auch wenn sie sich, wie in dem mit dem Titel „Alte Karten“ bezeichneten Zyklus, auf vorhandenes, antiquarisches Material beziehen.

Das den fünf kleinen Zyklen vorangestellte Mottogedicht schließt mit der Aufforderung: „[…] schreib dein Buch nicht zu Ende“. Diesem Rat an sich selbst scheint der Dichter nachgekommen zu sein, denn die letzten Verse des Bandes zeigen, dass ein Verbleib in der Parallelwelt der Poesie, „nur einen winzigen Schritt / entfernt von der Realität“ unabdingbar ist: „Ich bin zu schwach zu erwachen / die Nacht zu lassen den Weg / zu gehen zurück in den Tag“. Aus dieser Sphäre, so darf sein Publikum hoffen, wird von Patrick Wilden immer wieder etwas Neues zu lesen und zu hören sein.

Marcus Neuert, Fixpoetry

Der Band ist für 10 Euro im Buchhandel oder direkt über Lesezeichen e.V. Jena beziehbar.

„Raniser Debüt“ 2019

Ende September 2018 kam die Zusage für das „Raniser Debüt“-Stipendium im Jahr 2019:

»Patrick Wilden erhält das „Raniser Debüt“!

Das Thüringer Büro für Literatur und Kunst „Lese-Zeichen“ hat zum fünften Mal das Literaturstipendium „Raniser Debüt“ vergeben. Aus rund 100 Einsendungen wählte die Jury den Dichter Patrick Wilden aus.

Die Form des Stipendiums ist einmalig: Es richtet sich an Autorinnen und Autoren ohne eigenständige Veröffentlichung. Der Stipendiat wird ein Jahr lang mit dem Lektor Helge Pfannenschmidt (Edition Azur) an seinem Manuskript arbeiten, das anschließend publiziert wird. Gestiftet wird das „Raniser Debüt“ von der Kreissparkasse Saale-Orla. Zuletzt erschien in der Reihe der von der Kritik gelobte Lyrikband „Erzähl mir vom Atmen“ von Simone Scharbert, der inzwischen in der zweiten Auflage ist.

Auch Patrick Wilden wird an einem Lyrikprojekt arbeiten. Es trägt den Arbeitstitel „Alte Karten von Flandern“ und sucht eine Antwort auf die Fragen: Was lässt sich ergründen in einer Welt, die gezeichnet ist von Google Maps? Welche Tiefen werden sichtbar in einem von leuchtenden Oberflächen designten Miteinander, wo „Menschen auf stumm gestellt“ sind?

Patrick Wilden wurde 1973 geboren. Er arbeitet im Bibliotheksservice an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und ist Redakteur der Literaturzeitschrift „Ostragehege“.«

[Quelle: Literatur- und Kunstburg Ranis]„Raniser Debüt“

Die Pinselin

Kürzlich sah ich einen Rasierpinsel, dessen schwarze Haare senkrecht herabhingen, auf dem Hals eines Menschen sitzen. Zunächst dachte ich, es sei eins dieser neumodischen Putzgeräte, mit denen sie die Behördenflure wischen. Doch dann begriff ich: es war tatsächlich ein Rasierpinsel auf dem schwarz trikotierten Leib eines Menschen, was ich da vor mir hatte. Ich streckte die Hand danach aus, zaghaft, um meine Absicht nicht zu früh zu erkennen zu geben. Die Gestalt schwankte ein wenig hin und her, ich zog sie näher an mich heran, und nach einem prüfenden Blick dachte ich: Es ist also wahr. Und holte die Seife, eine große Packung hatte ich eilends besorgt, sie füllte fast die ganze Badewanne aus. Ich mußte die Duschwand ausbauen, sonst hätte das Stück nicht hineingepaßt. Zwei Abende begoß ich sie mit dem heißen Wasser aus der Brause, um sie sämig zu haben für die morgendliche Rasur, doch jedesmal war sie eingetrocknet über Nacht. Da fiel mir ein: auch der Pinsel mußte etwas davon haben! Ich hatte ihn in Ermangelung eines adäquaten Badezimmerschränkchens in seiner Größe, in die Kammer gesperrt. Als ich öffnete, ließ er die Schultern hängen. Ich stellte mir das Gesicht vor, das er machen würde, wenn er eines hätte, und dachte: Ein kleines Bad mit der Seife wird ihn wohl aufmuntern und mir die Rasur ermöglichen. Also griff ich ihn mir ein zweites Mal, diesmal allerdings ein wenig unsanfter, denn er wog so seine sechzig Kilo, schätzungsweise, faßte ihm unter die Achseln, um die Brust – doch was spürte ich da in meinen keuschen Händen: einen zart schwellenden Busen. Der Rasierpinsel war eine Frau! Sanft führte ich das Geschöpf nun, freundliche Worte murmelnd, ins Badezimmer, nahm ihr das Trikot ab und legte sie zärtlich zur Seife in die Wanne. Die beiden schmiegten sich sogleich aneinander, es schien Liebe auf den ersten Blick.

(2007)